Felsen am Wasser

Erkenntnis

16. September 2015|Posted in: Allgemein, Texte

Du kennst das bestimmt: Du bist schrecklich wütend auf jemanden. Diese Person hat sich dir gegenüber unmöglich benommen, vielleicht hat sie sogar versucht, dir Schaden zuzufügen. Oder sie hat dich gnadenlos ausgenutzt und angelogen. Vielleicht hat sie dich betrogen. Vielleicht hat sie sich lustig über dich gemacht. Auf jeden Fall hat sie dir Schmerzen zugefügt – seelische, möglicherweise sogar körperliche Schmerzen.

Du bist also zu Recht wütend. Vor allem wenn du siehst, dass die Person ungeschoren davon kommt. Entweder, weil einfach niemand da ist, der sie bestrafen kann (und du kannst das ja auch nicht, dazu fehlt dir die Kraft), oder weil es außer dir niemanden wirklich interessiert.
Deine Wut ist schrecklich, fürchterlich – aber vor allem für dich selbst. Denn diese Person, die dir so weh getan hat, die erreichst du nicht mit deinem Zorn. Dazu ist sie viel zu abgebrüht, sonst hätte sie dir ja auch gar nicht so viele Schmerzen zufügen können.
Alles, was passiert, ist, dass du dich mit deiner Wut selbst kaputt machst. Denn die Wut raubt dir den Schlaf, deine Seelenruhe sowieso, und – glaub mir – langfristig auch deine Gesundheit. Das alles weißt du. Aber was kannst du tun? Die Wut ist da! Du kannst sie vielleicht mal ein paar Stunden überspielen, in den Hintergrund drängen – aber du kannst sie weder völlig ignorieren noch leugnen noch vergessen.

Dabei merkst du selbst, wie diese Wut dir alle Kraft raubt. Und das macht dich noch wütender, wütend jetzt auf dich selbst! Wieso kannst du diese dumme, dumme Person nicht einfach vergessen? Wieso gelingt es dir nicht, einfach zu sagen: „Schwamm drüber, es ist vorbei, was reg ich mich noch auf?“
Aber so einfach ist das nicht. Unser Gehirn ist nicht dafür programmiert, schlimme, schmerzhafte Erfahrungen schnell zu vergessen. Im Gegenteil: Genau diese Dinge merkt es sich am besten und am längsten. Warum? Nun, da können wir jetzt wieder wissenschaftlich werden und sagen, dass es zum Überleben wichtig ist, dass wir uns schlechte, schmerzhafte Erfahrungen mit Dingen (oder Menschen), die uns weh tun, besonders gut merken, aus genau einem Grund: DAMIT WIR SIE IN ZUKUNFT MEIDEN!

Schau dir die Ratten an. Ratten sind neugierige Tiere, die gerne neue Dinge ausprobieren. Wenn sie auf ein Futter stoßen, das sie nicht kennen, ignorieren sie es nicht einfach, sondern sie probieren es. Aber nur ein kleines Bisschen davon. Dann warten sie ab, ein paar Stunden, vielleicht einen Tag. Wenn sie in der Zeit keine gesundheitlichen Probleme bekommen, dann wissen sie, dass das Futter genießbar ist und fressen es auf. Wenn es ihnen in dieser Zeit aber irgendwie schlecht geht, wenn sie schreckliche Bauchschmerzen bekommen, Übelkeit, Krämpfe, was auch immer, dann werden sie dieses Fressen nie wieder anrühren. Und dafür ist es wichtig, geradezu überlebenswichtig, dass sie sich bis an ihr Lebensende an dieses schlechte Futter, an diese schlechte Erfarhung erinnern. Denn nur so können sie sie in Zukunft meiden – und überleben.

Na gut, denkst du jetzt, erinnern ist also wichtig. Aber wenn es doch so weh tut? Wenn ich unter dieser Erinnerung leide wie an einer schlimmen Krankheit – was kann ich tun?
Und ich sage dir: nichts! Nichts kannst du tun. Und du SOLLST auch gar nichts anderes tun als das: Erinnere dich! Erinnere dich in allen Einzelheiten an jedes schreckliche Detail. Leide. Schreie den Himmel an. Brüll wie ein Ochse. Sei wütend. Zerschlage Geschirr. Schmettere einen Hammer gegen eine Wand. Boxe den Sandsack nieder. Sinke auf den Boden und weine. Wein dich leer. Heule. Jaule. Lass es raus. Lass alles raus. Das Entsetzen, die Schmerzen, das Leid, den Kummer, das Selbstmitleid – lass alles, alles raus. Bis du leer bist. Denn dieser Moment kommt. Aber er kann nur kommen, wenn du es nicht in dich reinfrisst, sondern rauslässt. Leide nicht im Stillen. Leide laut und vernehmlich und bis zum Äußersten. Solange, bis keine Tränen mehr da sind, keine Schreie mehr kommen. Denn wenn du dich durch den schrecklichen Orkan der Wut und der Trauer und des Schmerzes hindurchgekämpft hast, dann erreichst du ganz plötzlich das stille Zentrum, das Auge des Sturms.

Dann ist es still.
Und dann kommt die Erkenntnis.
Die Erkenntnis, dass deine Seele, dein DU, dein wertvoller, innerster Kern immer noch da ist. Der Schmerz ist weg. Das Leid ist weg. Die Wut ist weg. Was zurückbleibt, bist DU. Ein wunderbares, friedvolles, liebevolles Wesen. DU. Du warst immer da. Doch die vielen Lügen und Betrügereien, die Wunden, die dir zugefügt wurden, die seelischen Schläge, die du erhalten hast, haben diesen wunderbaren Kern zugedeckt, bis du vollkommen vergessen hattest, dass DU nicht dieses äußere, geprügelte, gedehmütigte, jämmerliche Wesen bist, zu dem dich die Person machen wollte; nein, DU bist Licht und Liebe und Freude und Kraft. Du hattest es nur vergessen.

Aber jetzt und hier, im Zentrum des Sturms, findest du dich endlich wieder. Und du beginnst zu heilen.

Das bedeutet nicht, dass du von jetzt an keine Wut mehr empfinden wirst. Nein, denn im Zentrum des Sturms zu stehen heißt, dass du zwar die erste Hälfte des Sturms überwunden hast, doch die zweite Hälfte steht dir noch bevor. Aber DU hast dich verändert. Du weißt nun, dass jeder Sturm, egal wie stark und fürchterlich und schmerzhaft er ist, niemals, NIEMALS dein innerstes Wesen zerstören kann, dein wahres Selbst, die Liebe, aus der du geschaffen wurdest. Und diese Erkenntnis macht dich stark. Du wirst ganz sicher auch weiterhin Wut empfinden, doch sie richtet sich nicht mehr gegen dich selbst; sie wird konstruktiver. Sie gibt dir Kraft, deinen Weg aus dieser schrecklichen Situation herauszukämpfen. Sie treibt dich an, nach vorne zu preschen. Anstatt dich zu zerstören, hilft sie dir nun, für dich und deine Rechte einzustehen.

Möglicherweise, wenn du dir viel Zeit nimmst für dich selbst und deine Gedanken und Gefühle, wird dir in dieser zweiten Phase des Sturms eine weitere Erkenntnis zuteil: Du wirst plötzlich begreifen, dass diese Person, die dir so lange Schaden zugefügt hat, in Wirklichkeit ein armes, bemitleidenswertes Geschöpf ist. Denn wer es nötig hat, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, um Beachtung zu erhalten, der hat nicht begriffen, was Liebe ist.
Das heißt nicht, dass diese Person ein Recht dazu hatte, so mit dir umzugehen, wie sie es getan hat. Es entschuldigt in keiner Weise die Gemeinheiten, die sie verübt hat. Und es schützt sie auch nicht vor Strafe – wenn sie denn irgendwann doch noch kommen sollte. Doch diese zweite Erkenntnis hilft dir, endgütig aus dem Sturm der Wut und der Selbstzweifel herauszutreten.

Wenn du dich dann umschaust, siehst du hinter dir eine Fläche der Verwüstung. Die lange, lange Zeit, die diese Person dich gequält hat, liegt wie ein schlimme Wunde da. Doch sie liegt hinter dir. Sie wird vernarben, irgendwann. Es ist möglich, dass sie niemals vollständig ausheilen wird, denn dazu war sie vielleicht zu tief. Doch auf jeden Fall liegt sie hinter dir. Schau sie dir genau an. Das ist wichtig. Wende dich nicht ab. Sieh dir an, wie die Wunde aussieht, erschauere über ihre Tiefe, entsetze dich über ihr Ausmaß. Wenn du dir jedes Detail genau ansiehst und einprägst, wenn du weißt, dass du es nie vergessen wirst – dann, genau dann kannst du sicher sein, dass dir ein solches Elend nie mehr widerfahren wird! Jetzt weißt du, dass diese Art von Person für dich ungenießbar ist. Und, glaube mir: In Zukunft wirst du schreiend davonlaufen, wenn eine solche Person auch nur denselben Raum betritt!

Du hast diesen schrecklichen Sturm durchgestanden, und du hast für dich neue Erkenntnisse gewonnen. Du hast etwas Überlebenswichtiges gelernt – sei stolz auf dich! Sei stolz darauf, wie wunderbar, wie groß, wie stark du bist!

 

Chris

Hallo, ich heiße Christine und bin die Begründerin dieses Blogs. Ich poste hier Texte, Gedichte und Bilder zu der Frage, wie man seine Herzenswünsche entdecken und das Leben leben kann, das uns ganz persönlich glücklich macht. Ich würde mich freuen, wenn du meinen Blog abonnierst und mir auch mal Kommentare zu meinen Beiträgen sendest!

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