Sir Terry Pratchett

Sir Terry Pratchett – Rest in Peace

13. März 2015|Posted in: Allgemein, Bücher-Lieblinge, Texte

Gestern, am 12.3.2015, ist ein Autor gestorben, der mit seinen literarischen Werken maßgeblich meine Sicht der Welt verändert hat: Sir Terry Pratchett ist im Alter von 66 Jahren seiner Alzheimer-Erkrankung erlegen. Da ich diesem großen Mann viel verdanke, war es mir heute ein großes Bedürfnis, mir meine Gedanken und meinen Kummer vom Herzen zu schreiben.
Wer wie ich ein Fan dieses Ausnahme-Autors war, wird es verstehen. Wer ihn bisher nicht kannte, wird es mir hoffentlich nachsehen.

 

Mein Leben mit der Scheibenwelt

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Begegnung mit Terry Pratchett. Es war in einer Buchhandlung in Karlsruhe, es war Herbst und ich hatte frisch mit dem Studium begonnen. Ich studierte zwar gerne und auch mein absolutes Traumfach, aber jeder Mensch braucht mal Abwechslung, und so landete ich nicht etwa in der Fachbuchabteilung, sondern vor dem Regal mit den Fantasy-Romanen. Ein gelber Buchrücken stach mir ins Auge. Terry Pratchett, „Der Zauberhut“… Pratchett? Nie gehört, dachte ich, aber zaubern ist immer gut. Ich zog das Buch heraus. Auf dem Cover sah ich einige entsetzt dreinblickende Gestalten auf einem fliegenden Teppich. Ich grinste. „Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt“, hieß es. Und auf der Rückseite las ich über den achten Sohn eines achten Sohnes – und ging sofort zur Kasse. In den folgenden Wochen klaubte ich nacheinander alle Pratchett-Romane aus dem Fantasy-Regal der Buchhandlung. Die Nomen-Trilogie, weitere Scheibenweltromane, Strata – ich wollte sie alle haben. Terry Pratchett wurde zu meinem stetigen treuen Begleiter. Im Bus, im Bett, im Bad – egal, Hauptsache, Rincewind, Truhe, Oma Wetterwachs und Co. waren bei mir.

Dann kam der schreckliche Tag, an dem ich feststellen musste, dass ich schneller lesen konnte als der Übersetzer übersetzen: Ich hatte alle bis dato existierenden deutschen Titel verschlungen! Aber ich konnte nicht mehr ohne die Scheibenwelt leben, und so begab ich mich etwas widerwillig zum Regal mit den ausländischen Büchern. Und dort standen sie: funkelnagelneue Pratchett-Romane, die nur darauf warteten, von mir erobert zu werden. Ich griff nach dem nächstbesten, schluckte einmal heftig ob des erhöhten Preises (damals, als es Amazon noch nicht gab und auch noch keinen Euro, da waren englische Bücher einfach nur sackteuer!) und ging dann tapfer zur Kasse.

Ich habe es keine Sekunde lang bereut. Mein damals noch etwas beschränkter englischer Wortschatz wuchs innerhalb von Monaten rasant an, und ich stellte sehr schnell fest, dass die Originale noch einen weit höheren Sprachwitz besaßen, der – das wurde mir sofort klar – einfach nicht verlustfrei zu übersetzen war. Im Nachhinein kann ich gut und gern behaupten, dass Terry Pratchett für meine Englischkenntnisse weit hilfreicher war als meine Lehrer in der Schule. Dass ich heute auch als Übersetzerin arbeite, verdanke ich somit zu einem großen Teil Sir Terry und seinen umwerfend guten Romanen, die mich mit Leidenschaft bei der Stange hielten und mir die Welt der englischsprachigen Literatur eröffneten.

Natürlich blieb es nicht bei den Büchern. Eine meiner größten, wertvollsten Errungenschaften Mitte der 1990er Jahre waren die Scheibenwelt-Computerspiele. Eine irre Ansammlung von Disketten – ich glaube, es waren 6 oder sogar 8 oder vielleicht auch noch mehr – die einen als Rincewind in einem Point-and-Click Adventure durch Ankh-Morpork entführte. Später gab es ein Computerspiel (möglicherweise sogar schon auf CD Rom), in dem man als Werwolf in der Wache in einer bunten Welt von Gerüchen nach Indizien suchen musste, „Discworld noir“ hieß das Werk – grandios!!! Auch eine kleine Menge an Scheibenwelt-Brettspielen bevölkert mittlerweile meinen Wohnzimmerschrank, und damit ich selbst beim Autofahren nicht auf Terry verzichten muss, habe ich mir eine – immer noch im Wachstum begriffene – Sammlung von Discworld-Hörbüchern zugelegt.

Vor fünf Jahren bekamen dann meine Schwester (ebenfalls bekennende Scheibenweltanhängerin) und ich mit, dass in England regelmäßig Discworld Conventions stattfinden, worauf uns dann nichts mehr hier in Deutschland hielt und wir – trotz damals etwas widriger Umstände – den Weg auf die nächste Convention nach Birmingham fanden. Was für eine Offenbarung war das für mich! Zu erfahren, dass es auf der Welt noch andere Menschen gibt, die genauso verrückt und leidenschaftlich sind wie ich! Und, was noch viel grandioser war: Dort war er, der  Großmeister Sir Terry höchst persönlich! Ich durfte ihn sehen, ich durfte ihm die Hand schütteln, und ich besitze nun ein Werk mit seinem Fingerabdruck darin (er war damals schon zu krank, um viel mit dem Stift zu schreiben). Bliss! Ein Jahr später waren wir natürlich auch auf der deutschen Scheibenwelt-Convention, und auch dieses Jahr werden wir wieder dort auftauchen – wenn auch vielleicht in etwas gedrückterer Stimmung.

Die Scheibenwelt ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein ständiger Fixpunkt in meinem Leben. Meine Notizbücher der letzten Jahrzehnte stecken voll von Zitaten aus Pratchett-Büchern, absurd-lustigen Sprüchen ebenso wie weisen Sätzen, die genauso gut aus einem Philosophiebuch stammen könnten. Die Helden der Bücher, Tod, Granny Weatherwax, Rincewind, Tiffany …, sind für mich zu Freunden geworden, und ich freue mich immer, wenn ich mal wieder etwas von ihnen höre, ein neues Abenteuer mitbekomme. Pratchett-Bücher bestellte ich grundsätzlich vor, wenn sie angekündigt wurden – und wenn es Monate im Voraus war.

Doch nun nicht mehr. In Zukunft müssen wir von den Abenteuern zehren, die da sind – neue wird es nicht mehr geben. Als ich gestern vom Tod Sir Terry Pratchetts erfuhr, war ich am Boden zerstört. Mir war, als hätte ich einen weisen Mentor verloren, einen lieben Großvater, einen Lehrer, der mit einer beeindruckenden Klarheit und einem unglaublichen Wissen meinen Blick auf die Gesellschaft, auf das Leben selbst verändert hat.

Sir Terry, you will be sourly missed!

 

 

Das Foto zu diesem Beitrag habe ich dem Buchumschlag des Taschenbuchs „Making Money“ aus dem Corgi-Verlag entnommen. Es stammt von Robin Matthews.

Chris

Hallo, ich heiße Christine und bin die Begründerin dieses Blogs. Ich poste hier Texte, Gedichte und Bilder zu der Frage, wie man seine Herzenswünsche entdecken und das Leben leben kann, das uns ganz persönlich glücklich macht. Ich würde mich freuen, wenn du meinen Blog abonnierst und mir auch mal Kommentare zu meinen Beiträgen sendest!

2 Comments

  1. Stefanie Hengst
    13. März 2015

    Leave a Reply

    Liebe Christine, dir verdanke ich dass ich ihn kennen und lieben gelernt habe und er mich auch intensiv beeinflusst, meinen Horizont erweitert und beleitet hat.

    • Chris

      Chris
      13. März 2015

      Leave a Reply

      Solange wir weiter an ihn denken, wird er immer da sein. No worries!

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