Kartoffelknolle mit lachendem Mund

Meister der Freude

26. Dezember 2014|Posted in: Allgemein, Gedichte, Texte

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Meine Kinder sind wahre Meister. Großmeister, sogar.
OK, manchmal sind sie einfach nur meisterhaft groß darin, mir den letzten Nerv zu rauben. Aber viel öfter noch bewundere ich ihre fast unglaubliche Art, die Welt zu sehen, das Gute, Schöne, Wunderbare in allem zu erkennen, was sie täglich umgibt. Da kann ich nur immer wieder demütig mein Haupt senken und von ihnen lernen.
Zum Beispiel wenn es ums Freuen geht.

Es kann passieren, dass eins meiner Kinder unvermittelt beim abendlichen Zähneputzen innehält und mit einem breiten Grinsen den Spiegel mit Zahnpastaschaum vollspuckt, während es laut hinausruft: „Ich freu mich so auf morgen! Morgen ist mein Glückstag!!“
Wenn ich dann frage, was denn morgen Tolles passiert, auf das es sich so freut, kommt die selige, noch viel mehr Schaum versprühende Antwort: „Mensch Mami, hast du es denn schon wieder vergessen? Morgen darf ich doch zu XY zum Spielen!“ oder „Na, ich darf doch morgen im Kindergarten beim Austeilen der Obstschnitze helfen!“ oder auch „Weil doch morgen endlich wieder meine Lieblingssendung im Fernsehen kommt!“

Faszinierend. Faszinierend und absolut beneidenswert! Eine winzige Kleinigkeit, für einen Erwachsenen eine nichtige Nebensache, die der Erwähnung kaum wert ist, kann ein Kind noch derart positiv beschäftigen, dass die Freude regelrecht aus ihm heraussprüht! Und Freude ist nichts anderes als ein Ausdruck von Dankbarkeit, und Dankbarkeit wiederum, tja, Dankbarkeit ist ganz einfach der Schlüssel zum Paradies!
Ja, Kinder sind Meister der Freude und der Dankbarkeit, und deswegen hat Jesus auch gesagt, wir sollen lernen so zu werden wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Und wo stehe ich? Ich als Erwachsene, als Vielbeschäftigte, als Verantwortungsträgerin, als sogenanntes „Vorbild“? Überfällt mich auch spontan abends beim Zähneputzen die schiere Freude darüber, dass ich morgen bei meiner Bekannten zum Kaffeetrinken eingeladen bin? Ist morgen auch mein Glückstag, weil vielleicht meine Lieblingszeitschrift wieder im Kiosk zu haben sein wird? Gebe ich Freudenjauchzer von mir, weil eine besonders anspruchsvolle Aufgabe auf mich wartet?
Wohl kaum. Meine Emotionen sind anderweitig beschäftigt. Ich gehe in Gedanken die To-Do-Liste für den morgigen Tag durch und stöhne innerlich. Ich mache mir Sorgen, dass dies oder jenes vielleicht nicht klappen könnte und dann das andere auch nicht funktionieren kann und dann sowieso nichts mehr geht… Ich bin schon entmutigt, bevor der Tag überhaupt begonnen hat, und dass es morgen vielleicht tatsächlich den einen oder anderen Lichtblick geben wird, das geht einfach unter. Vielleicht huscht noch mal ein müdes Lächeln über meine Lippen, wenn ich daran denke, aber damit hat es sich. Keine Spur von Herzklopfen, Begeisterung oder gar überschäumender Freude. Und wenn es dann tatsächlich passiert, wenn dann wirklich etwas Schönes kommt, dann nehme ich es mit einem Achselzucken entgegen, tue kurz so, als würde ich mich darüber freuen, und gehe dann wieder über zu all den Dingen, die mich plagen und quälen.

Und das ist wohl auch mein größtes Problem. Meine Kinder sind Meister der Freude. Ich hingegen bin ein wahrer Meister darin, Probleme zu sehen; Schwierigkeiten zu horten ist mein Hobby, Sorgen zu Pflegen meine Leidenschaft, und wenn ich mal keine Aufgabe vor mir habe, vor der ich mich fürchten kann, fühle ich mich eben einfach ganz aus Gewohnheit elend.

Erkennst du dich wieder? Willkommen im Club der Erwachsenen!
Und was tun wir Erwachsenen, wir Vorbilder, wenn ein Kind uns voller Wonne erzählt, was alles schön sein wird am morgigen Tag? Wenn wir uns sehr anstrengen, kriegen wir ein Lächeln hin. „Toll!“, kommt dann aus unserem Mund. Aber wie viel Ironie und Bitterkeit liegen dabei auf unserer Zunge! Wenn wir etwas schlechter drauf sind, können wir nicht einmal mehr so tun, als würden wir uns mit unserem Kind freuen. „Jaja, schon gut. Aber ich muss jetzt den Spiegel putzen! Schau nur, was du angerichtet hast!“
WUMM! Eine Ohrfeige hätte kaum mehr Schaden anrichten können als diese Worte.
Sie übermitteln unseren Kindern eine ganz deutliche Botschaft: „Hör auf, dich so zu freuen! Das sind Peanuts, Nichtigkeiten, sie sind es nicht wert, dass man Gedanken auf sie verschwendet. Schau doch nur, wie viele Aufgaben warten, wie viele Probleme es gibt, wie viele Sorgen wir uns alle immer machen müssen! Und hör endlich auf mit dieser lästigen Freude!“
Ja, manchmal ist uns die Freude der Kinder lästig. Sie ist zu aufdringlich, zu – nun ja, zu kindisch eben; sie überfordert uns. Ein verantwortungsbewusster Erwachsener freut sich nicht über Kleinigkeiten, sondern beschäftigt sich gewissenhaft mit den ernsten Aufgaben, die vor ihm liegen! Basta!

Soll ich dir sagen, was ich davon halte?
Gar nichts.
Ich denke, es ist an der Zeit für mich, für uns all sogenannte „Erwachsene“, auf die Knie zu fallen vor unseren Kindern, den großen Meistern der Freude, und sie zu bitten, von ihnen lernen zu dürfen. Lernen, wie man das Schöne sehen kann, wie man sich an Kleinigkeiten erfreuen kann, wie man seinen ganz normalen Alltag mit Begeisterung und Lebenslust füllen kann.
Wenn wir es schaffen, jeden Tag auch nur eine Kleinigkeit zu erkennen, für die wir dankbar sein können, dann schleicht sich die Freude zurück in unser Herz. Dann werden wir wieder zum Kind – ein bisschen zumindest. Und dann gehört das Himmelreich wieder uns.
Natürlich ist es wichtig, Dinge im Voraus zu planen. Natürlich gibt es jeden Tag Aufgaben, die uns unangenehm sind, die aber trotzdem getan werden müssen. Und ohne Zweifel passieren uns auch täglich Dinge, die nicht so schön oder angenehm sind, wie wir das gerne hätten. Aber trotzdem stoßen uns jeden Tag auch schöne Dinge zu. Die Kunst besteht darin, sie bewusst wahrzunehmen und sich dann auch tatsächlich daran zu erfreuen.

Ich habe neulich einen Artikel gelesen, in dem es um die Eigenart unseres Gehirns ging, sich negative Dinge viel besser einzuprägen als positive. Wenn einem am Tag drei schöne Dinge zustoßen, sechs neutrale Dinge und nur ein negatives, dann werden wir am Abend garantiert einzig und allein über das negative Ereignis sinnieren und denken, der Tag sei schlecht und schwer gewesen.
Der Autor des Artikels meinte, es läge an der Evolutionsgeschichte des Menschen, dass das Gehirn so hartnäckig an den negativen Erlebnissen hängen bliebe. Für die Jäger und Sammler, die wir einmal waren, sei es eben wichtiger, sich all die Gefahren zu merken, denen sie begegnen, als die positiven Ereignisse.
Nun, es mag sein, dass dies die Ursache für diese fragwürdige Fähigkeit unseres Gehirns ist. Aber wenn ich meine Kinder beobachte und ihre Fähigkeit sehe, unangenehme Dinge, Streitigkeiten, Sorgen und Probleme mit einer beneidenswerten Geschwindigkeit aus ihrem Gedächtnis zu löschen, dann glaube ich, dass wir Menschen nicht von Geburt an so negativ eingestellt sind.
Vielmehr ist die Hervorhebung des Negativen, des Problematischen in unserem Leben eine Eigenschaft, die wir lernen – oder vielmehr: die uns eingetrichtert wird! – wenn wir das Kindesalter langsam hinter uns lassen.
Unsere Kinder sehen, wie wir Erwachsenen uns benehmen, worüber wir miteinander reden, wenn wir uns treffen (nämlich über die Sorgen und Probleme, und nicht über die schönen Dinge!), und wie hartnäckig wir an unseren Problemen festhalten. Sie hören, was wir zu ihnen sagen, wenn ihre Freude uns lästig wird. Und sie spüren: Wenn ich erwachsen sein will, muss ich auch so werden. Und dann verlernen sie das, was eigentlich unser aller Erbe ist: die Freude am Leben, die Freude am Sein.

Das Jahr 2014 neigt sich dem Ende zu. In wenigen Tagen beginnt ein neues Jahr. Ich stehe quasi vor dem Spiegel und putze meine Zähne, und denke darüber nach, wie das Jahr gewesen ist. Mir fallen ganz viele Unschöne Dinge ein, Probleme, mit denen ich gekämpft habe, Sorgen, die mich niedergedrückt haben. Aber wenn ich genau hinschaue, dann sehe ich auch schöne Dinge, Momente des Glücks, spaßige Ereignisse, wunderbare Gefühle der Begeisterung, der Freude, des Friedens.
Ich weiß nicht, was das Neue Jahr bringen wird. Ich habe ein paar Pläne, ein paar Ideen, aber werde ich sie realisieren können? Wird das Neue Jahr zu meinem Glücksjahr werden? Wer kann das schon sagen!
Ich habe nur einen Vorsatz für 2015: Ich möchte von wahren Meistern lernen, mich zu freuen, an den kleinen Dingen genauso wie an den großen, an den „Nichtigkeiten“ des Alltags genauso wie an den besonderen Ereignissen. Ich möchte mein Gehirn wieder umtrainieren, möchte es in den Zustand zurückversetzen, den es als Kind zweifellos innehatte, und abends sagen können: „Morgen ist mein Glückstag, weil… die Sonne aufgeht, der Kaffee gut schmeckt, ich meine Lieben um mich habe…“ Es gibt so unendlich Vieles, über das wir uns freuen können!

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehen!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, dass ich … Dass ich mich freu.

Mascha Kaléko

Ich wünsche dir von Herzen ein wunderbares Jahr 2015, voller Freude, Begeisterung und Liebe!
Und scheue dich nicht, von den Kindern zu lernen, denn sie sind unsere wahren Meister!

Chris

Hallo, ich heiße Christine und bin die Begründerin dieses Blogs. Ich poste hier Texte, Gedichte und Bilder zu der Frage, wie man seine Herzenswünsche entdecken und das Leben leben kann, das uns ganz persönlich glücklich macht. Ich würde mich freuen, wenn du meinen Blog abonnierst und mir auch mal Kommentare zu meinen Beiträgen sendest!

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