Pflanze vor einem Spiegel

Du bist mein Spiegel

31. Oktober 2014|Posted in: Allgemein, Texte

Ich beobachte dich genau.
Schonungslos decke ich jeden Fehler auf, den du begehst, oder von dem ich glaube, dass du ihn begehst.
Mit einem abfälligen Schnalzen der Zunge richte ich dein falsch geknöpftes Hemd – so etwas muss man doch merken! Ich schüttle den Kopf über deine mutlose Rede, mäkle an deinem mangelnden Selbstvertrauen herum, höre jeden Unterton von Selbstzweifel und bohre meinen Finger in die Wunden deiner Unsicherheit.
Ich ärgere mich über deine Rücksichtslosigkeit, ich hadere mit deiner Art, das Leben anzugehen, ich korrigiere dich, mache dir Vorschriften, belehre dich.
Spitz ist meine Zunge im Umgang mit dir, meine Worte wie scharfe Schwerter.
Versuch es doch gar nicht erst, du wirst es mir nie recht machen können.
Dazu bist du einfach zu blöd.
Nichts kannst du mir recht machen.
Nichts.

So glaube ich. So denke ich.
Es ist doch so, oder?

Doch dann kommt jemand, der mir sagt, dass die Welt nur mein Spiegel ist. Von mir geschaffen, mit der Kraft meiner eigenen Gedanken. Nur mein Spiegel.

Ich werde still.
Ich erröte, verlegen, schamvoll.
Du – mein Spiegel?

Ist das möglich?

Kann es sein, dass die Fehler, die ich an dir sehe, in Wahrheit nur meine eigenen Fehler sind?
Dass die Zweifel, die du aussprichst, nur meine eigenen Selbstzweifel sind?
Und deine Makel nur eine Spiegelung meiner eigenen Unzulänglichkeiten?

Ich sehe dich lange an. Lange betrachte ich dich, dich als Mensch, dich als Wesen, das genauso von Gott geschaffen wurde wie ich selbst, wie alle Menschen. Die Frage keimt in mir auf, mit welchem Recht ich dich eigentlich anklage. Wer hat mir die Autorität gegeben, mich über dich zu stellen? Sind wir nicht alle EINS? Sind wir nicht alle Kinder von Allem-was-ist, vom Leben selbst? Bin ich denn besser als du?

Nein. Ich bin genauso wie du. Du stehst mir gegenüber und bist ein Spiegel meiner eigenen Unzulänglichkeiten. Die Finger, die ich in deine Wunden steche, bohre ich in mein eigenes Fleisch.
Wenn du einen Fehler machst, rege ich mich nur deswegen darüber auf, weil ich diesen Fehler auch schon hundert Mal gemacht habe, und weder mir selbst noch dir dafür vergeben kann.
Wenn ich die Selbstzweifel in deiner Rede höre, bringt mich das nur deswegen so auf die Palme, weil ich selbst so voller Zweifel stecke, dass ich keine weiteren Zweifel mehr ertragen kann.
Ich versuche, dich zu verbessern, weil ich nicht die Kraft habe, meinem eigenen Versagen ins Gesicht zu sehen.

Du bist mein Spiegel.
Wenn du Dinge sagst oder tust, die mich aufregen, die mich aufwühlen, die mich aufbrausen lassen, dann bist du nichts als ein Spiegel für mich. Wenn ich es schaffe, hinter den Spiegel zu blicken, wenn ich achtsam werde, bewusst, offen, dann erkenne ich die Wahrheit. Hinter deinen Unzulänglichkeiten liegen all meine Makel, und du – als mein Spiegel – bist hier, um sie mir vorzuhalten.
Wenn ich den Angriff beende, innehalte und die Augen öffne, dann kann ich in all deinen Fehlern mich selbst finden.
Dann kann ich verstehen lernen, dass du für mich eine einmalige Chance bist, mich selbst zu enthüllen. Durch jeden Fehler, jede Rücksichtslosigkeit, die du begehst, bietest du mir die Möglichkeit, mein wahres Wesen zu entdecken.

Du bist mein Spiegel.
Dafür danke ich dir. Es ist eine große Aufgabe, die du für mich übernommen hast.

Und nun beginnt meine Aufgabe: Heilung. Für mich und für dich.
Denn wenn ich beginne zu erkennen, wie ich bin, wenn ich achtsam werde, dann kann ich auch mit der Vergebung beginnen. Nicht für dich – nein, DIR muss ich nichts vergeben. MIR SELBST muss ich vergeben. Das, was du mir gezeigt hast, das, worüber ich mich so aufgeregt habe, die Selbstzweifel, die Rücksichtslosigkeit, die Makel, die Fehler, die Unzulänglichkeiten – all diese Dinge kann ich mir vergeben, sobald ich ihrer gewahr werde.
Ich vergebe mir, dass ich Fehler mache.
Ich vergebe mir, dass ich nicht perfekt bin.
Ich vergebe mir, dass ich zweifle.
Und du bist mein Spiegel! Sobald ich mir vergebe, vergebe ich auch dir! Denn so, wie du meine schlechten Seiten spiegelst, so spiegelst du auch die guten.

Wenn ich lerne, hinter den Spiegel zu schauen, kann ich uns beide heilen.

 

 

Chris

Hallo, ich heiße Christine und bin die Begründerin dieses Blogs. Ich poste hier Texte, Gedichte und Bilder zu der Frage, wie man seine Herzenswünsche entdecken und das Leben leben kann, das uns ganz persönlich glücklich macht. Ich würde mich freuen, wenn du meinen Blog abonnierst und mir auch mal Kommentare zu meinen Beiträgen sendest!

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